Artikel: Die tanzende Schneeflocke

Die tanzende Schneeflocke
Schon seit meiner Kindheit schreibe ich kleine Geschichten – einfach Sachen, die mir plötzlich einfallen oder die ich geträumt habe. Hier ist eine Geschichte, und ich glaube, ich kann sie jetzt, wo wir noch im kalten April verharren, niederschreiben. Es ist die Geschichte von einer Schneeflocke.
Eine kleine Geschichte ...
Es war die Nacht, in der die Welt den Atem anhielt. Draußen wirbelte der Winterwind kleine Kristalle durch die Dunkelheit, und mittendrin schwebte Flocke, ein winziges Wunderwerk aus eisiger Schönheit.
Flocke war nicht wie die anderen. Während ihre Geschwister sich hastig auf den Boden stürzten, um Teil einer anonymen weißen Decke zu werden, liebte Flocke den Tanz. Ein Windstoß erfasste sie, wirbelte sie im Kreis und setzte sie schließlich sanft auf einem hölzernen Fensterbrett ab.
Der Blick durch das Glas
Direkt vor ihr erhob sich eine riesige, durchsichtige Wand. Flocke klammerte sich mit ihren filigranen Zacken an das kalte Holz und spähte hinein.
Dort drinnen war die Welt ganz anders:
-
Farben: Ein warmes, goldenes Leuchten erfüllte den Raum.
-
Gerüche: (Flocke konnte sie fast spüren) Ein Hauch von Zimt und brennendem Holz.
-
Stille: Keine tosende Brise, nur das friedliche Knacken eines Kaminfeuers.
Inmitten dieses Goldlichts saß ein Mädchen auf einem weichen Teppich. Sie hielt ein Buch in den Händen, doch sie las nicht. Ihr Blick war starr auf das Fenster gerichtet.
Eine flüchtige Begegnung
Das Mädchen rückte näher. Ihr Gesicht kam der Scheibe so nah, dass ein kleiner Nebelfleck von ihrem Atem auf dem Glas erschien. Flocke erschrak fast – für ein Wesen aus Eis war diese Wärme wie eine ferne, gefährliche Sonne.
Doch das Mädchen lächelte. Sie hob ihren Zeigefinger und tippte ganz vorsichtig gegen die Stelle der Scheibe, hinter der Flocke saß.
„Du bist wunderschön“, flüsterte das Mädchen.
Flocke verstand die Worte nicht, aber sie spürte die Bewunderung. Sie richtete ihre winzigen Eiskristalle auf, als wollte sie sich verbeugen. In diesem Moment waren sie beide verbunden: das Kind des Feuers und das Kind des Frosts, getrennt nur durch eine dünne Schicht aus Glas.

Der Abschied
Ein neuer Windstoß rüttelte am Fensterrahmen. Er war ungeduldig und forderte Flocke auf, weiterzuziehen.
Flocke spürte, wie sie den Halt verlor. Sie hob ab, vollführte noch eine letzte, elegante Pirouette direkt vor den Augen des Mädchens und verschwand dann in der Nacht. Sie würde bald schmelzen, das wusste sie, aber sie trug das goldene Leuchten des Zimmers in ihrem kalten Herzen mit sich, bis sie eins wurde mit der Erde.
Das Mädchen am Fenster beobachtete den tanzenden Punkt, bis er im Weiß des Sturms verloren ging, und wusste, dass sie gerade einen flüchtigen Diamanten gesehen hatte.
Noch mehr lesen bei Audible (Partner: Amazon).



Hinterlasse einen Kommentar
Diese Website ist durch hCaptcha geschützt und es gelten die allgemeinen Geschäftsbedingungen und Datenschutzbestimmungen von hCaptcha.